Übersetzung: CLODO spricht

Sporadische Sabotageakte gegen Unternehmen, die am Bau von Kernkraftwerken beteiligt waren, begannen Mitte 1979 in der Region Toulouse, Frankreich. Dies geschah auf dem Höhepunkt des starken, breit angelegten regionalen Widerstands gegen den Bau des GOLFECH-Atomkraftwerks am Fluss Garonne. Doch die lokale Anti-Atomkraft-Bewegung geriet Anfang 1981 in eine Sackgasse, als klar wurde, dass GOLFECH unvermindert weitergebaut werden würde. Trotz oder gerade wegen dieser Sackgasse wurden die Sabotageakte häufiger und die Ziele vielfältiger.

Im Juni 1983 tauchte eine gestohlene Büste von Jean Jaures, einem berühmten Sozialisten der 1900er Jahre, am Hals hängend an einem Baum vor dem Rathaus auf. Ein “Abschiedsbrief”, unterzeichnet von Jaures und “herausgegeben” von der “Vereinigung der Unruhestifter”, prangerte die amtierende sozialistische Regierung [von Francois Mitterand] für ihre repressive, autoritäre Politik an. Laut der Notiz bedauerte Jaures ein Leben, das er auf dem vergeblichen Weg, die sozialdemokratische Sache voranzubringen, die zu einem solch schmachvollen Ende gekommen war, verschwendet hatte.

In den folgenden Monaten gab es mehrere Anschläge auf katholische Buchläden und religiöse Statuen (darunter die Büste von Pontius Pilatus in der Nähe des berühmten Wallfahrtsortes Lourdes), die von einer ” Stoppt die Priester”-Kampagne unterzeichnet wurden, um gegen den Besuch des Papstes und der “Vatican Multinational Corporation” zu protestieren. Im selben Sommer wurden einige Firmen und Regierungsstellen, die direkt oder indirekt am Bau von GOLFECH beteiligt waren, durch Explosionen oder Feuer schwer getroffen.

Während unterschiedliche Gruppen, oft mit humorvollen Namen (“Eine bisher unbekannte Gruppe”) und witzigen Akronymen, die Verantwortung für diese Aktionen übernommen haben, spiegeln der Ton und der Inhalt ihrer Kommuniqués eine gemeinsame Perspektive wider. Das “Komitee für die Liquidierung und Subversion von Computern” [Comité Liquidant ou Détournant les Ordinateurs], bekannt unter dem französischen Akronym CLODO (ein unübersetzbarer Slangbegriff, der soviel wie “Penner” bedeutet), hat sich zu sechs Aktionen in den letzten drei Jahren bekannt, bei denen meist Rechenzentren abgefackelt oder auf andere Weise zerstört wurden. Die jüngste Aktion ereignete sich im Oktober 1983, als die Büros von SPERRY – einem US-amerikanischen Computerhersteller – in Flammen aufgingen. In der Nähe fand sich ein Graffiti mit der Aufschrift “Reagan greift Grenada an, SPERRY Multinational ist ein:e Komplize:in”.

Obwohl CLODOs Schwerpunkt auf der Computertechnologie ein spezifisches Fachgebiet und Interesse widerspiegelt, stehen sie ideologisch den anderen Saboteur:innen der Region nahe: Sie behaupten, als Ad-hoc-Gruppierung zu arbeiten, die sich um bestimmte Aktionen und Interessen herum zusammenschließt, und lehnen die Vorstellung von sich selbst als formelle Organisation ab. Sie haben keine starren Regeln und Prinzipien und tolerieren eine beträchtliche Vielfalt unter den einzelnen Teilnehmer:innen; sie unterscheiden sich von traditionellen linken Gruppen durch ihre Ablehnung einer “Avantgarde”-Rolle, ihre explizit antiautoritäre Verspieltheit und einen Sinn für Humor, den sie als ideologische Waffe einsetzen.

Eine französische Zeitung beschrieb die Saboteur:innen als Teil einer “anarcho-libertären” Bewegung, die in Toulouse ansässig ist. In einem anderen “Interview” mit einer Gruppe, die im August 1983 gleichzeitig Brände an zwei Standorten nuklearer Produktion legte, erklärt “Groucho”:

“Es wird viel über die schweigende Mehrheit geredet, und sie bekommt eine Menge Presse. Aber es gibt auch eine mundtot gemachte Minderheit, die sich nur durch politische und soziale Ablehnung äußern kann, weil sie den Schein der Demokratie ablehnt. Sie fordert nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf Gerechtigkeit, die Rechte des Menschen – sie nimmt sich diese Rechte, oder sie versucht es zumindest. Diese Minderheit existiert, sei sie organisiert oder unorganisiert, atomisiert im sozialen Gefüge, revolutionär oder deviant. In unserer Praxis bekräftigen wir ihren spezifischen Charakter. Wir machen uns keine Illusionen über die Propaganda von Ideen, aber wir unterstützen alle, die Ungerechtigkeiten nicht mehr ertragen können und ihre kleinen Rezepte beisteuern, um den kapitalisierten Alltag zu untergraben.”

Die französischen Behörden prangern die Saboteur:innen als geistesgestört und menschenverachtend an und tun immer so, als sei es nur ein Zufall, dass niemand verletzt wird. Tatsächlich unterscheidet sich die offensichtliche Vorsicht, die bei dieser besonderen Art von Sabotage an den Tag gelegt wird (es gab keine menschlichen Opfer bei den hier beschriebenen Taten), deutlich von den Bomben in Zügen und anderen öffentlichen Plätzen weltweit, die im Namen dieser oder jener “Befreiungsorganisation” weiterhin unschuldige Menschenleben fordern.

Das folgende “Interview” wurde an die französische Zeitschrift “Terminal 19/84” geschickt und erschien in der Oktober-Ausgabe 1983.

Warum habt ihr dieses Interview angenommen?

Wir waren schon immer der Meinung, dass Taten für sich selbst sprechen, und wir haben uns nur deshalb entschlossen, ein Kommuniqué zu schreiben, weil ein (mutmaßliches?) Mitglied einer so genannten bewaffneten und auf jeden Fall kurzlebigen Organisation versucht hat, unsere Taten als etwas auszugeben, was sie nicht sind. Angesichts der Propaganda der Macht, die besonders verblüffend ist, wenn es um Computer geht, und um einige Mythen über uns zu beenden, hielten wir einige Erklärungen für notwendig.

Warum macht ihr Computer-Sabotage?

Um alle herauszufordern, Programmier:innen und Nicht-Programmier:innen, damit wir ein wenig mehr über diese Welt nachdenken, in der wir leben und die wir erschaffen, und darüber, wie die Computerisierung diese Gesellschaft verändert.

Die Wahrheit über die Computerisierung sollte von Zeit zu Zeit enthüllt werden. Es sollte gesagt werden dass ein Computer nur ein Haufen Metall ist, der nur das tut, was man von ihm will, dass er in unserer Welt nur ein weiteres Werkzeug ist, ein besonders mächtiges, das im Dienst der der Herrscher:innen steht.

Wir greifen im Wesentlichen das an, wozu diese Werkzeuge führen: Akten, Überwachung mittels Ausweisen und Karten, Instrumente der Profitmaximierung für die Bosse und der beschleunigten Verelendung für diejenigen, die ausgeschlossen werden…

Die herrschende Ideologie hat klar verstanden, dass der Computer als einfaches Werkzeug ihren Interessen nicht sehr dienlich war. So wurde der Computer zu einer parahumanen Entität (vgl. die Diskussion über künstliche Intelligenz), Dämon:in oder Engel – aber fähig zur Domestizierung (Computerspiele und Telekommunikation sollten uns davon überzeugen) – alles andere als ein:e eifrige:r Diener:in des Systems, in dem wir leben. Auf diese Weise hoffen sie, die Werte des Systems in ein Wertesystem zu verwandeln.

Durch unsere Aktionen wollten wir einerseits die materielle Natur der Computer-Werkzeuge unterstreichen, andererseits die Bestimmung der Herrschaft, die ihnen verliehen wurde. Schließlich ist das, was wir tun, zwar in erster Linie Propaganda durch die Tat, aber wir wissen auch, dass der Schaden, den wir verursachen, zu Rückschlägen und erheblichen Verzögerungen führt.

Erscheint euch der spektakuläre, radikale Aspekt der Zerstörung, die ihr verursacht, nicht ein wenig übertrieben?

Diese Aktionen sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs! Wir selbst und andere kämpfen täglich auf eine weniger vordergründige Weise. Bei Computern, wie bei der Armee, der Polizei oder der Politik, ja, wie bei allen privilegierten Machtinstrumenten, sind Fehler die Regel, und sie zu beheben nimmt den Großteil der Zeit der Programmier:innen in Anspruch! Das machen wir uns zunutze, was unsere Arbeitgeber:innen zweifellos mehr kostet als der materielle Schaden, den wir verursachen. Wir sagen nur, dass die Kunst darin besteht, Fehler zu erzeugen, die erst später auftauchen, kleine Zeitbomben.

Um auf deine Frage zurückzukommen – was könnte alltäglicher sein, als ein Streichholz auf ein Paket Magnetbänder zu werfen? Jede:r kann es tun! Der Akt erscheint nur für diejenigen übertrieben, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, wofür die meisten Computersysteme verwendet werden.

Wie erklärt ihr euch dann die Tatsache, dass Andere ähnliche Dinge nicht getan haben?

Um die Wahrheit zu sagen, es ist schwer zu erklären. Wir sind in einer guten Position, um zu wissen, dass die meisten Computerarbeiter:innen tatsächlich mit ihren “Arbeitswerkzeugen” partizipieren und nur selten ihre grauen Zellen benutzen, um darüber zu reflektieren, was sie tun (sie würden es im Allgemeinen lieber nicht wissen!). Was diejenigen betrifft, die nicht mit Computern arbeiten, so sind sie unbeteiligt oder sie akzeptieren passiv die herrschende Propaganda. Aber das erklärt nicht alles, und selbst diejenigen, die sich gegen die Einschläferungen der Macht wehren, haben immer noch Angst vor Polizeiuniformen!

Seid ihr nicht wirklich ein bisschen retro, wie die Maschinenstürmer:innen des 19. Jahrhunderts?

Konfrontiert mit den Werkzeugen der Mächtigen, haben Beherrschte schon immer zu Sabotage oder Subversion gegriffen. Das ist weder rückschrittlich noch neu. Wenn wir in die Vergangenheit schauen, sehen wir nur Sklaverei und Entmenschlichung, es sei denn, wir gehen zurück zu bestimmten sogenannten primitiven Gesellschaften. Und obwohl wir vielleicht nicht alle das gleiche “soziale Projekt” teilen, wissen wir, dass es dumm ist, zu versuchen, die Uhr zurückzudrehen.

Computerwerkzeuge sind zweifellos in ihrem Ursprung pervertiert (der Missbrauch des Quantitativen und die Reduktion auf das Binäre sind ein Beweis dafür), aber sie könnten für andere Zwecke eingesetzt werden als die, denen sie jetzt dienen. Wenn wir feststellen, dass der am stärksten computerisierte Sektor die Armee ist und dass 94% der zivilen Computerzeit für Management und Buchhaltung verwendet wird, fühlen wir uns nicht wie die Webstuhl-Zerstörer:innen des 19. Jahrhunderts (auch wenn sie gegen die Entmenschlichung ihrer Arbeit kämpften). Wir sind auch keine Verteidiger:innen der vom Computer geschaffenen Arbeitslosen… wenn Mikroprozessoren Arbeitslosigkeit schaffen, statt die Arbeitszeit aller zu verkürzen, dann deshalb, weil wir in einer brutalen Gesellschaft leben, und das ist keineswegs ein Grund, Mikroprozessoren zu zerstören.

Wie ordnet ihr euer Handeln im Kontext von Frankreich und dem Rest der Welt ein?

Die Computerisierung ist weltweit verbreitet. In der Dritten Welt trägt sie dazu bei, die ideologische und wirtschaftliche Vorherrschaft des Westens, vor allem der USA, und in geringerem Maße auch der lokalen Machthaber:innen zu verstärken. Deshalb betrachten wir unseren Kampf als global, auch wenn das angesichts der Nadelstiche, die wir tatsächlich setzen, übertrieben klingt.

Was sind eure Projekte für die Zukunft?

Nach und nach wird die Theorie der Computerisierung, die wir seit einigen Jahren entwickeln, konkretisiert. Im Großen und Ganzen bleibt sie aber unverändert, da Computer im Grunde immer noch von den gleichen Leuten für die gleichen Dinge benutzt werden. Es gibt also keinen Grund, nicht in der gleichen Richtung weiterzumachen. Mit mehr Fantasie und in unserem eigenen Tempo, auch wenn das Ergebnis weniger spektakulär ist als unser bisheriges Handeln. Das rasante Tempo der Automatisierung und die bevorstehende Explosion der Telekommunikation eröffnen ein breiteres Feld für Aktionen und Revolten. Wir werden versuchen, in diesen Bereichen zu kämpfen, wohl wissend, dass unsere Bemühungen partiell sind. Es gibt Platz für alle Rebell:innen!

Wie groß sind eure Erfolgsaussichten? Habt ihr keine Angst, erwischt zu werden?

Danke, unsere Aussichten sind gut. Wir haben die Motive und die Ideen, und unter den Blinden sind die Einäugigen König:innen. Seit mehr als drei Jahren sind ein Sicherheitsgericht des Staates (möge es in Frieden ruhen) und mehrere Dutzend Söldner:innen auf der Suche nach uns: ihre materiellen Mittel sind ausgeklügelt, aber ziemlich unzureichend, und unsere letzte Aktion gegen das Informationszentrum der Gemeinde Haute Garonne hat ihnen wohl gezeigt, dass wir mehr über sie wissen als sie über uns! Nichtsdestotrotz sind wir uns der Risiken bewusst, die wir eingehen, und des Umfangs des Arsenals, gegen das wir antreten. Möge unser nächstes Gespräch nicht mit eine:r Polizeirichter:in sein!

–Toulouse, August 1983

deutsche Übersetzung basierend auf der englischen Übersetzung von Maxine Holz, Einleitung von Maxine Holz, erschienen in Processed World 10, 1984